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Meine Pferde

Rusty | Joy

Rusty habe ich im Oktober 2008 von einem Pferdeschutzverein gekauft.

Klein und kompakt wie er ist, stand er unauffällig in seiner damaligen Box auf dem Gnadenhof und fraß in einer Seelenruhe. Durch und durch braun mit einer zarten Flocke auf der Stirn, abgemagert und in einem recht verwirrten Zustand.

Man habe ihn aus schlechter Haltung, die aus einer finanziellen Not der Vorbesitzer heraus entstanden sei, gerettet. Kein oder nicht genügend Futter, kein Schmied und kein Tierarzt. Er habe eine Fehlstellung vorne rechts, die ihn aber nicht weiter beeinträchtigen würde. Er sei acht Jahre alt. Papiere waren keine vorhanden, alles musste neu beantragt werden.


Gnadenhof 2008

Ein Pferd ohne Vergangenheit.

Über die Katze im Sack stülpte ich damals gleich den nächsten Sack und machte mich mit ihm auf in eine ungewisse Zukunft.

Ungewisse, aber sichere Zukunft. Es wurde nämlich schnell klar, dass ich dieses Pferd nie wieder aus den Händen geben würde.

Gleich einen Tag, nachdem er auf unseren Hof gebracht worden ist, stand das arme Kerlchen mit knapp 40 Grad Fieber im Stall. Lungenentzündung. Wir kämpften bis kurz vor Weihnachten 2008. Der Tierarzt war mitunter täglich zum Spritzen vor Ort. Es war wirklich keine einfache Zeit und lange war nicht klar, ob eine chronische Atemwegserkrankung dabei zurück bleiben würde.

Doch er hat es geschafft. Zu Weihnachten war er wieder auf den Beinen und strahlte.

Dann kamen die Zähne an die Reihe: Haken und blutiges Zahn- sowie Backenfleisch. Dieses Pferd musste wirklich lange vor sich hin vegetieren und Schmerzen leiden.

Anfang des Jahres 2009 ging es dann erst einmal bergauf. Schnell merkte ich, dass er in der Herde sehr rangniedrig ist und nichts anderes, als in Ruhe futtern wollte. Kein Selbstbewußtsein. Wenn andere Fellnasen seinen Weideplatz wollten, ihn ärgerten oder zum Spielen aufforderten, wich er ausnahmslos. Rasenmähen und wälzen, das sind noch heute seine Lieblingsbeschäftigungen.

Schnell ging es wieder bergab. Ende Februar 2009 verhielt er sich beim Freispringen anders als sonst sehr hektisch und beinahe panisch. Ich brach das Training ab. Festzustellen war ein angetretenes Vordereisen (vorne rechts), dass sich durch einen halb herausgetretenen Nagel zeigte. Zusammen mit einer Freundin zog ich diesen heraus.

Zwei Tage später zeigte er morgens an der Doppellonge eine enorme Lahmheit vorne rechts.

Das Desaster nahm seinen Lauf. Das übliche Prozedere:

Der Tierarzt kneift den Huf ab (Verdacht auf Hufgeschwür), lässt die Eisen abziehen und verordnet Ruhe. Zusätzlich spritzt er Entzündungshemmer. Der Huf soll vorerst gebadet werden, denn es kann sich immer noch ein Hufgeschwür bestätigen.

Doch es trat keine Besserung ein.

Ich entschloss mich damals dazu mit ihm in die Klinik zu fahren. Hier wurde dann erneut eine riesige Palette an Möglichkeiten der Diagnose aufgefahren. Allgemeine Lahmheitsuntersuchung, Lokalanästhesie, Röntgenbilder. Ergebnis nach wirklich langer Suche:

Reizung des Fesselträgerursprungs. So ganz nebenbei kam heraus, dass ein veralteter Griffelbeinbruch ein lateral am Röhrbein vorhandenes Überbein verschuldete.

Patsch.

Weltuntergang?!

Erstmal schon.

Rusty wieder aufgeladen, nach Hause gefahren und selbst auch direkt in die Federn – neue Kraft und Motivation tanken. Ich sollte sie für das kommende und darauf folgende Jahr wirklich brauchen.

Die ersten sechs Wochen gestalteten sich mit täglichen Führungseinheiten auf hartem Boden, zweimalig am Tag und steigernd von jeweils fünf auf dreißig Minuten. Abends immer einen Enelbin-Verband anlegen. Morgens diesen dann entfernen und abduschen.

Es war hart.

Das härteste aber war zu erleben wie dieses Pferd den anderen beim Weidegang zuschaute.

Das Ende dieser sechs Wochen – wir haben uns so sehr darauf gefreut – sollte nur das Ende eines ersten Abschnitts sein. Wir fuhren danach noch viermal in die Klinik, der Sommer neigte sich dem Ende.

Rusty und ich, wir waren zusammengewachsen wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Ständig neue Spazierwege und bald auch Bodenarbeit. Wir übten den Spanischen Tritt und bald auch den entsprechenden Schritt. Ich lernte dieses Pferd kennen als die treueste Seele auf Erden. Sein Blick stets unschuldig und so vieles aussagend. Vor allem sagte er mir eines: Alles wird wieder gut.

In den vielen Monaten, in denen er keinen Weidegang bekommen hatte, stumpfte er ab. Irgendwann begann ich, inspiriert durch eine Miteinstellerin, deren Pferd aufgrund einer Sehnenscheidentzündung Boxenruhe verordnet bekommen hat, ihm Gras zu schneiden und mit der Schubkarre vor seine Box zu fahren. Es war das Mindeste, auch wenn ich dabei einmal in eine Wespe griff und selbst höllische Schmerzen ausstehen musste. Darüber hinaus grasten wir neben Spaziergängen stundenlang.

Ende August durfte er wieder auf die Wiese. Seither ist er wieder aufgeblüht. Da ist wieder Feuer in seinem Blick, pure Lebenslust. Nichts war umsonst.

Auch als im November 2009 die Diagnose „angerissenes Unterstützungsband der tiefen Beugesehne“ ebenfalls vorne rechts kam, konnte uns das nicht schocken.

Inzwischen hatte ich viel, sehr viel über derartige Verletzungen beim Pferd gelesen, ja sogar im Internet veröffentlichte Doktorarbeiten.

Mit Back-on-Track-Stallgamaschen konnte ich das Überbein, dass aufgrund des Griffelbeinbruches entstanden war, röntgenologisch nachweislich wegtherapieren. Der Arzt sprach von einem sehr guten Ergebnis. Auch Blutegel hatten ihr kleines Wunderwerk an diesem so schlimm betroffenen rechten Vorderbein vollbracht. Natürlich auch die grünlippige Muschel aus Neuseeland (Zusatzfuttermittel).

So ging das Jahr 2009 zu Ende. Erfahren schauten wir zwei, Rusty und ich, auf das Jahr 2010 und wussten, dass uns nichts mehr aus der Bahn werfen würde.

Der Jahresanfang verlangte uns erneut Muße ab. Nicht nur der Winter 2009/2010 hat uns wirklich auf eine harte Probe gestellt (Eisen und Boxenruhe), sondern auch eine im Frühjahr folgende Gelenkentzündung hinten rechts.

Ein Homöopath aus dem baden-württembergischen Raum hat uns lange Zeit begleitet und für innere Ausgeglichenheit gesorgt.

Seit Ende Mai 2010 wird Rusty entsprechend seiner zwar verheilten, aber dennoch vorhandenen Handicaps wieder geritten.

Er genießt seine Massagen immer mehr, weiß inzwischen schon, dass Wellness-Stunden auf dem Plan stehen. Zusätzlich behandele ich seine Verspannungen mit Wärme (Warm Up) und TENS (Transkutane elektrische Nervenstimulation). Das genießt er mit seinen 15 Jahren umso mehr; es hat sich bei der letzten Zahnkorrektur herausgestellt, dass er vier Jahre älter ist als angegeben.

Inzwischen haben wir auch endlich einen Offenstall gefunden, der auch Pferde mit einem Stockmaß über 1,60m aufnimmt. Es war gar nicht so leicht, weil alle derartigen Angebote auf Pferde bis 1,59m (maximal) zugeschnitten waren.

Der Weg hat für uns im letzten Jahr die Diagnose Arthrose der Halswirbelsäulen-Facettengelenke im Anfangsstadium bereitgehalten. Lange Zeit anhaltende Probleme wie beispielsweise, dass er nicht geradezurichten war und rechtsherum nicht einfach nur seine „schlechte“, in der Fachsprache auch „händige“ Seite aufwies, sondern aufgrund der Diagnose einfach nicht konnte. Schonhaltungen, die in den Jahren zuvor eingenommen worden waren, von denen ich dachte, ich könnte sie in Zusammenarbeit mit einem Team entsprechender Fachleute behutsam korrigieren, werden bleiben. Es gilt nun, die Arthrose in Schach zu halten. In der kalten Jahreszeit bedeutet das für ihn ein passendes, wärmendes Halsteil zur Decke. So einfach ist es natürlich nicht. Mehr als zuvor physiotherapiere ich seine verspannte Halsmuskulatur und füttere GSM nun dauerhaft. Eine akute Entzündung der Arthrose bescherte uns eine glücklicherweise mit Kortison in den Griff zu bekommende Ataxie. Das angeschwollene Muskelgewebe drückte auf Nervenbahnen, die an den Halswirbeln verlaufen (Spinale Ataxie). Dies führte buchstäblich zu Ausfällen der Hinterhand, er schwankte, konnte sich nicht sortieren.

Um eine leidige Erfahrung reicher, packen wir aber auch dieses Problem an. Ich bin in der ganzen Misere noch froh darüber, dass ich es frühzeitig erfahren habe. Arthrose ist degenerativ, unheilbar. Jedoch kann das Fortschreiten der Krankheit erheblich verlangsamt werden und es gilt mehr denn je, das Pferd sich selbst gesunderhaltend zu bewegen.

Es gibt keinen Endzustand.

Der Weg ist das Ziel.

Sie haben einen ähnlich gelagerten Patienten? Bitte teilen Sie Ihre Erfahrung mit mir, ich freue mich über jeden Kontakt! (Forum)


Rusty Juni 2010


Rusty Mai 2011


Handpferdereiten: Rusty & Joy